The Awakening

Ein Beitrag von Liesa Kaltofen

England, 1921. Ein durch Einsamkeit gezeichnetes Kind, ein Internat fern der Zivilisation, eine zunehmend zweifelnde Autorin und ein Lehrer, der sich auf die offenbar einzige junge Dame stürzt, die er seit Jahren zu Gesicht bekommen hat, bilden die Rahmenbedingungen eines bildgewaltigen, sphärischen, düsteren Films.

Florence Cathcart (Rebecca Hall) soll der Aufklärung übernatürlicher Geschehnisse dienen. Gelockt durch die rationale Aussage des Geschichtslehrers Robert Mallory (Dominic West), ihr Buch sei zu kategorisch, lässt sie sich auf diese Reise ein. Ein Schüler, der an einem durch Angst ausgelösten Asthmaanfall stirbt, sei den Zeugenaussagen nach kurz zuvor einem getöteten Jungen begegnet. Die Grundlage für diese abstruse Annahme bilden Klassenfotos auf denen ein zusätzlicher Primus zu sehen sein soll.

Cathcart ist entschlossen auch diese Situation getreu dem Schulmotto ‚Semper veritas‘ zu klären und trifft dabei auf Maud. Die alte Haushälterin, die Cathcarts Bestsellerbuch direkt neben der Bibel stehen hat, unterstützt sie bei ihrer Aufgabe. Die smarte aufstrebende Geisterjägerin, die kürzlich ihren Verlobten im Krieg verlor und nun auf Menschen trifft, deren Kragen des Öfteren deutlich zu eng zu sitzen scheint, ist sich ihrer Sache völlig sicher. Mit Apparaturen die Bewegungen der Geister messen, widerlegt sie zu Beginn noch völlig unerklärliche Geräusche der Nacht und entledigt sich der infantilen Jungen, die zwischen überzogener Zucht und Ordnung untereinander nach Anerkennung suchen.

Zur Seite steht ihr der kleine Helfer und Freund Tom (Isaac Hempstead-Wright), dessen Eltern in Indien wohnen, weshalb er als Einziger die Ferien vor Ort verbringen muss. Über ihre unschuldige Kindheit in Kenia sinnierend, entsteht eine Nähe zu ihm, die eher anmaßend als gesund scheint. Gemeinsam begeben sie sich auf die Suche nach dem Übersinnlichen – ein Puppenhaus, das gerade erlebte Situationen darstellt, eine Einsamkeit, die keiner zu kennen vermag, eine mögliche Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit und der Frage nach der eigentlichen Existenz Toms. Die am Rande entstehende Liebesgeschichte mit Geschichtslehrer Robert wirkt zu Beginn beinahe störend, schnell wird jedoch deutlich, dass sie Fundament für die weiteren Szenen ist.

Nick Murphy setzt die Schauspieler und die unerwartete Wendung der Handlung in „The Awakening“ (GB, 2011, 107 Minuten) gekonnt in Szene. Er arbeitet selbstbewusst mit den Mechanismen der Verdrängung (‚Man kann nicht jagen, was nicht existiert.‘), dem Bewusstsein, dass man gebraucht wird und dem erzwungenen Loslassen. Eine gelungene Gratwanderung zwischen Wissenschaft und übernatürlichen Phänomenen. Jedoch entstehen auch Fragen der Plausibilität: Weshalb sollte ein Wesen der transzendentalen Welt, die laut Florence keine Fußspuren hinterlassen, eine Glocke läuten können, die an einem physisch zu betätigenden Draht befestigt wurde…

„The Awakening“ zeichnet sich durch psychologische Folter und gut gemachten Horror aus. Das furiose Finale setzt dem ohnehin fesselnden Film ein gelungenes, wenn auch ziehendes, Ende. Murphy verzichtet darauf, typisch ‚geisterkitschig‘ zu werden – etwa durch plötzlich besessene Menschen aus denen der Teufel höchstpersönlich spricht oder die aus dem Nichts beginnen zu schweben und sich ihre Haare zu einer Corona errichten.

Ein Meisterwerk für alle, die auszogen das Gruseln zu lernen…