Much Loved

Ein Beitrag von Britta Aßmann

„Much Loved“ – Die Geschichte einer Freundschaft und dem Alltag von vier Prostituierten in einem islamischen Land. Ein Leben zwischen Vergnügen auf Partys und Demütigungen, die die Frauen über sich ergehen lassen müssen. Ein einfühlsames und zugleich in einigen Szenen brutales Drama, das nicht zuletzt ein Gefühl von Authentizität vermittelt.

Es ist ein kritischer Film, der Grenzen überschreitet, in dem er von islamischen Prostituierten berichtet, die es offiziell nicht gibt. Und folglich kommt die Frage auf: Geht der Film zu weit? Ist er „verachtend gegenüber moralischen Werten und marokkanischen Frauen“, so wie es die marokkanische Regierungspartei PJP sieht? Nach der Premiere in Cannes wurde der Film in Marokko verboten, da er „das Image des Königreiches schamlos verletzte.“

Das 2015 entstandene Drama des marokkanischen Regisseurs Nabil Ayouch erzählt von den vier taffen und liebenswerten marokkanischen Frauen Noha (Loubna Abidar), Soukaina (Halima Karacuane), Randa (Asmaa Lazrak) und Hlima (Sara Elmhamdi Elalaoui), die als Prostituierte in Marrakesch arbeiten. Der Alltag und das Überleben als Prostituierte soll den Zuschauern anhand ausgewählter Szenen nähergebracht werden. Neben ihrem Beruf teilen sich die Frauen eine Wohnung, in der sie gemeinsam leben. Die Wohnung ist ein Ort an den sie sich zurückziehen und Abstand zu ihrer Arbeit finden können. Sie ist ihr Anker, der sie für einen Moment ganz sie selbst sein lässt und sie sich nicht präsentieren und verkaufen müssen. Vor allem hier geben sie sich gegenseitig Halt und sind füreinander da.

Während die Frauen nachts ihrem Beruf nachgehen und auf Partys und Orgien Männer „beglücken“ – die die Frauen zunächst anbeten, gar als Göttinnen sehen, und in Folge des Geschlechtsverkehrs verachten oder misshandeln – stehen sie in großer Abhängigkeit von Türstehern und korrupten Polizisten. Doch der fürsorglich auftretende SaÏd (Abdellah Didane), bei dem nicht ganz klar ist, ob es sich nun um den Zuhälter, Bodyguard oder Chauffeur der Frauen handelt, ist eine überaus wichtige Unterstützung für sie.

Weiter stellt Noha (Loubna Abidar) durch ihre Arbeit ihrer Familie finanzielle Mittel zur Verfügung, die diese dringend benötigt. Dennoch wird sie wegen ihres Berufes von ihrer Mutter, ihren Geschwistern und Kindern verachtet und im Laufe des Films, aufgrund des „Gerede der Nachbarn“, verstoßen. In mehreren Szenen wird dem Zuschauer gezeigt, wie schwer es für Prostituierte ist, den Kontakt zur eigenen Familie aufrecht zu erhalten und wie sie von „Außenstehenden“ aufgrund ihres Berufes behandelt oder gar verachtet und verstoßen werden.
Der Film behandelt auch die Thematik der Homosexualität in Marokko – jedoch ohne sie zu sehr in den Fokus zu rücken, sondern vielmehr um auch diesen Aspekt nicht zu verschweigen.

Durch den Einsatz einer Handkamera wird dem Zuschauer eine gewisse Dynamik und das unmittelbare „Dabeisein“ vermittelt. Die eher zurückhaltenden filmischen Mittel lassen darauf zurückführen, dass die Frauen selbst und ihre Geschichte im Vordergrund stehen und diese nicht durch filmische Elemente verzerrt werden. Jedoch werden Szenen, in denen die Frauen beispielsweise bei ihrer Arbeit lachen und scheinbar Spaß haben, mit dramatischer, fast schon melancholischer, Musik untermalt, um so die Ernsthaftigkeit der Situation und das nur nach außen scheinende Vergnügen zu verdeutlichen.

„Much Loved“ ist ein Film, der sich einem Tabuthema annimmt ohne dabei voyeuristische Absichten zu verfolgen. Trotz der Kritik und dem anschließenden Verbot der Ausstrahlung des Films in Marokko, ermöglicht er dem Zuschauer einen authentischen Einblick in die Welt von Prostituierten in einem islamischen Land. Weiter spricht auch das Engagement des Regisseurs für die Authentizität des Films, der zuvor mit vielen marokkanischen Prostituierten das Gespräch suchte, um seinen Film möglichst dokumentarisch umzusetzen, wie auch die Tatsache, dass Nabil Ayouch auf typische Klischees verzichtet.