Shake, Shake, Shake – Interview mit Künstlerinnenkollektiv Neozoon

Das deutsch-französische Künstlerinnenkollektiv Neozoon ist auch dieses Jahr wieder im Wettbewerb des KURZFILMFESTIVAL KÖLN vertreten. Mit ihrem Projekt Shake, Shake, Shake, welches im Wettbewerb II – AUFGELÖSTE GEGENSÄTZE gezeigt wird, veranschaulichen sie das Verhältnis zwischen Mensch und Tier. Es braucht keine Worte – lediglich eine Geste – um Ihr Anliegen zu verdeutlichen und zum Nachdenken anzuregen. Wie das Kollektiv arbeitet und in welcher Weise es sich selbst sieht, erfahren Sie im nachfolgenden Interview!

Wie kam es zur Gründung des Kollektivs und warum der Name Neozoon?

Als Neozoon wird ein Tier bezeichnet, welches sich mithilfe menschlicher Einflussnahme irgendwo neu ansiedelt. Ausgangspunkt für die Gründung unsere Gruppe war immer das Interesse am Mensch-Tier-Verhältnis. 2009 haben wir ein Projekt gestartet, in dem Tiere aus alten Pelzmänteln den öffentlichen Raum erobert haben. Aber der Name darf auch sinnbildlich gelesen werden, letztlich geht es darum, den Diskurs über das Mensch-Tier-Verhältnis anzuregen

Sie sind mit Installationen im öffentlichen Raum bekannt geworden Seit 2011 sind Sie auch mit Kurzfilmen im Internet unterwegs – in gewisser Weise ja auch ein öffentlicher Raum. Warum nutzen Sie vermehrt dieses Medium?

Das Internet war für viele unserer Projekte hilfreich: sei es als Verbreitungsmedium oder später auch als Werkstofflieferant. Mit Found Footage zu arbeiten bedeutet immer, mit Materialien umzugehen, die bereits eine Geschichte haben und durch ihre Vergangenheit aufgeladenen sind. Ob wir nun im öffentlichen Raum arbeiten oder einen Film machen, entscheidet sich also vor allem auch durch das vorhandene Material.

Sie können die Kunst mit einem Klick veröffentlichen und müssen sie nicht mehr nachts im Geheimen verbreiten. Erscheint Ihnen Ihre Arbeit dadurch anders?

Das ist natürlich allein vom physischen Einsatz ein völlig anderer Vorgang – meist auch mit deutlich weniger Adrenalinkick. Der Entwicklungsprozess einer filmischen Arbeit ist oft auch deutlich länger und man kann entsprechend präziser arbeiten.

Was für eine Rolle spielen Reichweite und Anonymität im Internet für Ihre Kunst?

Zu Beginn unserer Tätigkeit hat das eine große Rolle gespielt, da es ja nicht legal ist, den öffentlichen Raum ungefragt zu bespielen. Darüber hinaus konnte man auch lange nach einer Aktion im öffentlichen Raum noch Abbildungen davon im Netz finden – das hat natürlich auch eine entscheidende Rolle bei der Verbreitung gespielt. Den geschützten Kunstraum zu verlassen bedeutet für uns aber vor allem, dass man mehr als nur ein ausgesuchtes Kunstpublikum erreicht.

Im Kurzfilm Shake, Shake, Shake werden animierte Fotos von Trophäen – Jägern gezeigt, die Hände schütteln. Was bedeutet diese Geste für Sie?

Es handelt sich um ein Ritual unter Jägern, welches weltweit angewendet wird. Man beglückwünscht sich gegenseitig zum erlegten Tier. Vor dem Hintergrund eines zunehmenden Bewusstseins für die Bedrohung vieler Tierarten hat das natürlich bei der Großwildjagd eine ganz besondere Brisanz. Durch den Fokus auf eine scheinbar simple Geste in einem ansonsten unbewegten Setting wird das Ritual in seiner Absurdität hervorgehoben und öffnet den Raum für einen Perspektivwechsel.

Das Thema der Jagd haben Sie bereits in mehreren Kurzfilmen verarbeitet? Haben Sie einen besonderen Bezug zum Jagen?

Wir unterteilen Tiere im Allgemeinen ja in drei Gruppen: Haustiere, Wildtiere und Nutztiere. Die Jagd scheint uns dabei eine der ambivalentesten Mensch-Tier-Beziehungen zu sein, weil es einerseits noch so etwas wie eine kollektive, genuine Verehrung von wilden Tieren gibt und gleichzeitig diese Lust am Töten existiert. Diese eigenartige Widersprüchlichkeit interessiert uns sehr und wir könnten noch etliche Filme darüber machen…

Warum bezeichnen Sie sich selber nicht als Tierschutzaktivisten? Ist es Ihnen wichtig, hauptsächlich als Künstler gesehen zu werden?

Das eine schließt das andere nicht unbedingt aus – aber was man allgemein als Tierschutz bezeichnet, bewegt sich im Rahmen menschengemachter Gesetze und richtet sich deshalb auch immer nur nach den Bedürfnissen des Menschen. Die Massentierhaltung ist deshalb z.B. per Gesetz geschützt. Sich diesem Thema künstlerisch zu nähern ist eine große Herausforderung. Es eröffnet einerseits völlig neue Spielräume und gleichzeitig muss man darauf achten, nicht eindimensional zu werden. Grundsätzlich sind wir der Meinung, dass Kunst ambivalent bleiben muss. Es geht uns also nicht um Konsensfindung, sondern zunächst einmal darum neue Denkräume zu schaffen.

Sie verwenden für Ihre Filme Found Footage, das sie zusammenstellen. Ist das eine Form von Recycling oder warum greifen Sie auf dieses Material zurück?

Found Footage zu nutzen, ist natürlich auch eine Art von Reycling, ganz ähnlich also wie bei unseren Tieren aus alten Pelzmänteln. Warum etwas neu produzieren, wenn es bereits massenhaft vorhanden ist? Aber es ist auch eine Herausforderung, auf die im Material vorhandenen Informationen zu reagieren und damit zu arbeiten, ganz anders als wenn man selber dreht. Darüber hinaus reizt uns an Found Footage aber vor allem die Authentizität.

 

Autoren: Johanna Bernhard, Lisa Brinkmann, Vincent Kannengießer